Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. (Psalm 37,7)

Stille,

ein kostbares Gut. Es ist selten wirklich still um uns herum, am ehesten noch in der Natur.

„Sei stille“ ist eine Aufforderung, aktiv die Stille zu suchen, selber still zu werden. Nicht die Erholung des Urlaubs ist gemeint, auch nicht das Lesen auf dem Sofa am Feierabend, sondern eine bewusste Zeit des Alleinseins, des Schweigens und des Stillhaltens „vor Gott“. Nichts machen – das will erstmal ausgehalten sein! Denn wenn äußerlich Stille einkehrt und wir uns nicht ablenken können, nehmen wir meist wahr, welche Unruhe in unse- rem Inneren ist: Sorgen, Befürchtungen, die vielen sich wiederholenden Gedan- ken an gestern und an morgen. Wenn wir einmal zum Stillhalten gezwungen sind durch Krankheit oder Verletzung, fühlen wir uns schnell unwohl, manchmal sogar unwert. Stille und Stillhalten, Loslassen, was uns drängt und beschäftigt, ist nichts, was wir gewohnt sind. Zu unserer Kultur, unserem Lebensstil gehört das Stillsein nicht dazu.

Auch Elias war ein Mann der Tat. Er hat Gott absolut vertraut und Gott hat durch ihn gehandelt. Elias konnte Wunder tun: Brotwunder, Auferstehungswunder, Feuer und Wasser gehorchten ihm. Elias‘ Tun hatte Erfolg, aber die Herzen der Menschen konnte er doch nicht bekehren. Als äußerlich alles wieder in Ordnung schien, war auch alles Übrige schnell beim Alten. Kennen wir das nicht auch von uns? Im Grunde genommen hat Elias erfahren müssen, wie die Menschen eben sind. Da wollte er aufgeben, fühlte sich überflüssig und erwartete auch von Gott nichts mehr. In diesem Moment ging Elias an einen Ort in der Wüste. Er wurde still.

Warten

ist normalerweise nichts, was wir gerne tun. Es scheint vertane Zeit zu sein und versetzt uns eher in Unruhe. „Warte auf ihn“ ist wieder eine Aufforderung. Wenn ich bewusst warte, kann das auch mit Vorfreude zu tun haben, wie das Warten im Advent. Nur: Warten heißt nicht er-warten. Wenn ich etwas erwarte, dann weiß ich schon, was kommt. Aber Gott ist anders. Wir wissen nicht, wann, wie und wo er sich zeigt. Es ist vielleicht so ähnlich wie bei einem Konzertbesuch: Ich gehe an einen bestimmten Ort, suche meinen Platz, lasse mich nieder und werde still, um die Musik hören zu können. Auf Gott warten ist vielleicht so, als ob wir in ein Konzert gehen, aber nicht wissen, welche Musik wir hören werden, vielleicht nicht einmal, wann das Konzert anfängt. Aber wir wissen, dass wundervolle Musik erklingen wird. Und wir halten uns bereit.

Und Elias? Genau dort, wo er nichts mehr erwartet, im Aufgeben, im Loslassen begegnet ihm Gott, begegnet ihm als der ganz Andere: mütterlich-fürsorglich. Elias ist bereit, Gottes Ruf zu folgen, weiter hinein ins Nichts, in eine Höhle auf dem Berg. Dort soll er Gott schauen. Nicht Feuer, Sturm, Erdbeben, nicht Gewalt und Schrecken sind das Wesen Gottes, sondern im sanften Säuseln, in der Stille kann Elias erkennen, dass Gott da ist.

Gott ist immer da, wir nehmen ihn nur nicht wahr. Ich selber suche deshalb immer wieder die Stille, Zeiten des Schweigens, Zeit nur für Gott. Denn ich weiß: Gott will uns begegnen. Und erfahre, dass Gott ganz anders ist, als ich erwartet habe.

  Arie „Sei stille dem Herrn“  ▾


Arie „Sei stille dem Herrn“, aus dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy
Gesang: Susanne Krumbiegel

Wir danken Susanne Krumbiegel für die Genehmigung der Veröffentlichung dieser Aufnahme.

 

  Einfache Stilleübung im Alltag  ▾


Eine bewusste Unterbrechung im Alltag, um sich der göttlichen Gegenwart für einen Augenblick zu öffnen, braucht außer einer gewissen Entschlossenheit einen Anfang und ein Ende. Wer das Glück hat, in seiner Nähe Glockengeläut zu hören, hat gleich eine Regelmäßigkeit, an die man sich gut anschließen kann. Ich kann mir aber auch eine Erinnerung im Handy einstellen oder mir eine bestimmte Zeit vornehmen, z. B. immer vor dem Mittagessen, nach den Nachrichten oder bevor ich ein Haus betrete. Oder ich mache es nach Bedarf: wenn zu viele Gedanken auf einmal in meinem Kopf zu sein scheinen, vor oder nach einem Gespräch, einem nächsten Arbeitsschritt. Es ist eine Übung und braucht daher die Wiederholung, um zur guten Gewohnheit zu werden. Trotzdem wird es von Anfang an einen wohltuenden Effekt haben.

Ich unterbreche mich bzw. mein Tun für wenige Minuten. Ich wende meine Aufmerksamkeit entschlossen ab von dem, was ich gerade getan oder gedacht habe. Ich wechsle meine Haltung (wenn ich gesessen habe, stehe ich auf oder ich setze mich einfach aufrecht auf den Stuhl), ich schließe die Augen, lege die Hände ineinander. Ich lausche: auf den Klang der Glocke, auf Geräusche in meiner Umgebung, auf meinen Atem. Ich spüre den Raum über mir, meine Füße auf dem Boden, meine Aufrichtung zwischen Himmel und Erde. „Hier bin ich – vor dir, wie ich bin.“

Zum Abschluss kann ich ein Gebet sprechen (z. B. ein Vaterunser, Verleih uns Frieden, einen Segen) oder/und mit einem tiefen Atemzug die Augen öffnen und die Arme zum Himmel oder zur Seite ausstrecken.

 

  Lied „Gott ist ganz leise“  ▾


„Gott ist ganz leise“
Gesang: Elisabeth Kindel

Text und Melodie: Franz Kett
Erschienen in: Religionspädagogische Praxis, Handreichung für elementare Religionspädagogik, Jg. 1982/IV, RPA-Verlag Landshut © RPA-Verlag, www.rpa-verlag.de

Wir danken dem RPA-Verlag für die Genehmigung der Veröffentlichung.

 
Kantorin Elisabeth Kindel