Heimkehr einer Verschollenen – die Akte 329

Eines Tages im Frühsommer 2018 spricht ein Herr im Pfarramt vor, er hätte Ma­terial über den Bau der Conne­witzer Kirche, das könnten wir eventuell haben. Man bittet mich, mir das anzusehen. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine ver­misste Ori­ginal-Akte aus unserem Alt-Archiv handelt, nämlich „Die Frei­ma­chung des in Aussicht genom­menen Kirchbau­platzes auf dem alten Gottes­acker zu Leip­zig-Conne­witz und die Herstel­lung der Umge­bung der neuen Kirche be­treffend, 1897-1908“. Diese hatte ein ehemaliger Mitarbeiter vor etlichen Jahr­zehn­ten offen­bar nach Hause mit­ge­nom­men. Bei der Auflösung seines Haushalts konnte niemand etwas damit anfangen, doch bevor die dunkel­graue Mappe im Container landete, fragte man zum Glück besagten Herrn, und dieser findet den Weg zu uns.

In der Akte geht es zuerst um den alten Connewitzer Friedhof, auf dem die neue Kirche gebaut werden sollte. Der war ja seit der Er­öffnung des neuen Friedhofs Meus­dorfer Straße in Ruhe, jedoch 1897 gab es noch sehr viele weiter­hin gepflegte Gräber. Das „Ver­zeichnis der be­antrag­ten Aus­he­bungen zum Zwecke der Gewinnung eines Kirchbau­platzes“ enthält daher Einträge über 450 namentlich benannte Erwach­sene sowie, jahres­weise zusammen­gefasst, Kinder unter zwei Jahren; insge­samt 800 Ver­storbene, deren Aushebung und Überführung zu organi­sieren war! In langen Tabellen sind jede Vorsprache von Angehörigen, jeder Antrag und seine Bearbeitung hand­schrift­lich dokumentiert. Damit nicht genug, als der Kirch-Rohbau fertig ist, geht es an die Umfeld­gestaltung: das „Verzeich­nis der im Juli 1899 auf dem alten Gottes­acker noch anstehen­den gepflegten Gräber, die nunmehr zur Her­stellung des Schmuck­platzes einzuebnen sind“ enthält weitere 41 Positionen.

Die Umgebungs­gestaltung, die den zweiten Teil der Akte ausmacht, ist reich an Facetten und Pro­blemen. Es geht um die Anlage des Kirch­platzes, die Her­stellung des Kirch­wegs von der Pe­gauer Straße (W.-Heinze-Str.), die An­bindung der Marien­straße (Similden­str.) an den Kirch­vorplatz und um Grund­stücks­fragen: Zunächst ist ja der spätere Bau eines Gemeinde­hauses gegen­über der Kirche an­gedacht. Dafür ver­handelt man mit dem Rat der Stadt über einen Gebiets­aus­tausch, in den man die durch den Ab­riss der alten Conne­witzer Kirche an der Prinz-Eugen-Straße frei ge­wor­dene Fläche einbringt.

Anfang 1907 beginnt die Stadt mit dem Bau der Selnecker­straße. Bis dahin war das Areal vor dem Kirchen­eingang frei, aber nun droht die Verbauung. Man bittet den Rat, „die Plätze 9 und 10 im Interesse der freien Lage der Kirche sowie zur Gewin­nung eines guten Schau­bildes vom Kreuz aus nach Maß­gabe der bei­folgen­den Plan­skizze zu bebauen“. Das lehnt der Rat ab, so auch den Vor­schlag, zur Pegauer Straße hin einen Schmuck­platz anzulegen.

Kirchvorsteher Nöllert bittet in einer Eingabe, „die Baufluchtlinien des östlich der Kirche gelegenen Blockes zu verdrän­gen und auf dem so gewonnenen Areale Vor­gärten vorzusehen“ und markiert auf einem Foto durch Linien die resul­tie­ren­de Erweiterung des Sichtbarkeits­bereichs. – Das Foto enthält ein interes­santes Detail: die linke rote Linie geht nach unten über in einen lotrecht am Ende der Palisade auf­gerich­teten Holz­mast. Dieser wird von einem schräg­stehen­den Balken gestützt, und er wird in der Senkrechten fixiert von zwei Seilen; das Ende des einen Seils hält einer der beiden im Hinter­grund vor der Kirche stehenden Männer fest in der Hand.

Vielleicht lässt sich das so erklären: Kirchvorsteher Nöllert besaß eine Zimmerei, war aktiv im Kirchenvorstand sowie in kirch­lichen und städti­schen Gremien, enga­gierte sich sehr in der Sache und verfügte über personelle wie finan­zielle Mög­lich­keiten. Er wollte sich, dem Kirchen­vorstand und den Bau­behör­den im Rat­haus klar­machen, wie sich die Ein­schrän­kung der Sicht­bar­keit der Kirche bei Ver­wirk­lichung der städti­schen Pläne aus­wirken wird, und zu diesem Zweck ließ er diesen Mast für kurze Zeit auf­richten (ver­mut­lich in Höhe der vom Rat vor­ge­schrie­benen Traufhöhe). Der Fotograf war sicher auch von ihm bestellt und machte aus mehre­ren Posi­tionen Fotos, auf Glas, wie der Sprung zeigt. Und mit diesen Fotos argu­men­tierte er dann. – Jedenfalls könnte es so gewesen sein ...

Man erwägt im Übrigen sogar den Kauf der Grundstücke, bekommt aber beim Rat keinen Vorzugspreis ... und so werden die Grundstücke schließlich versteigert und bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein auf eine Weise bebaut, die unsere Vorfahren gern verhindert hätten.

Wolfram Herwig