Die Buntglasfenster in der Kapelle der Paul-Gerhardt-Kirche

Die Evangelistenfenster und ihre Symbole

Lange lag unsere Kapelle im „Dornröschenschlaf“ – kaum einer hat Notiz genommen von den vier bunten Fenstern, auf denen die Evangelisten mit ihrem je eigenen Symbol dargestellt sind. Max Alfred Brumme hat diese Fenster im Jahr 1954 entworfen.

Nach langer Bauzeit wurde die Kapelle nun aus ihrem „Schlummer“ geweckt, zum Osterfrühstück am 16. April 2017 konnte die Kapelle das erste Mal wieder von der Gemeinde genutzt werden. Zuvor wurde die Kapelle restauriert, unter anderem wurden auch die vier Buntglasfenster gereinigt und mit einem Wärmeschutz ausgestattet, nun weisen die Fenster wieder klar und deutlich auf die vier Evangelisten hin.

 
Genau viermal wird ja die Geschichte Jesu Christi erzählt im Neuen Testament – vier „Kurzbiographien“ finden wir dort mit jeweils recht unterschiedlichen Akzenten: die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Bevor die Zahl der Bücher der Bibel endgültig festgelegt wurde, waren noch mehr solcher „Biographien“, solcher Evangelien, im Umlauf. Wie viele sollten denn nun in den Kanon der Heiligen Schriften aufgenommen werden?

„Genau vier müssen es sein!“ sagte Irenäus, der streitbare Bischof von Lyon um 180 nach Christus.

„Vier Himmelsrichtungen gibt es, vier Hauptwinde fegen über die Erde hinweg. Ein Haus steht auf vier Pfeilern! Die Evangelien sind tragende Säulen der Kirche in aller Welt – also: vier müssen es sein.“ Damit ist für Irenäus die Sache klar: „Gottes Schöpfergeist ist einer und er gibt uns das Evangelium in vierfacher Gestalt.“ Irenäus findet noch ein weiteres Argument in den Tiefen der heiligen Schrift: Beim Propheten Hesekiel und in der Offen­barung des Johannes ist die Rede von geheimnisvollen geflügelten Himmelswesen, den Cheruben, ganz beson­deren Botenfiguren, die sich zwischen Himmel und Erde bewegen. Haben Sie denn nicht alle ein vierfaches Angesicht? Das erste gleicht einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte trägt ein Menschenantlitz und das vierte gleicht einem fliegenden Adler. Für Irenäus passt das: Schlagen denn nicht auch die Evangelien – auf ihre Weise - die Brücke zwischen Himmel und Erde? Steht nicht jedes der vier Wesen für eine bestimmte Wirk­weise des Gottessohnes Jesus, und passt nicht jedes dieser Wesen irgendwie zum Charakter eines der vier Evangelien? „Ja!“ sagt Irenäus. „So ist es!“ Damit war Irenäus wohl der erste, der die Evangelien mit diesen vier verschiedenen Gesichtern der Cheruben in Verbindung bringt.

Endgültig erfolgt die Zuordnung der einzelnen Evangelien zu einem der vier Wesen dann aber erst etwa 200 Jahre später – im 4. Jahrhundert nach Christus. Dabei spielte vor allem der Anfang des jeweiligen Evangeliums eine Rolle:

Matthäus beginnt sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu – Mensch ist der Gottessohn geworden – in einer menschlichen Familie ist er groß geworden – deshalb gehört das Symbol des Menschen zu Matthäus.

Der erste Schauplatz des Markusevangeliums ist die Wüste – dort tritt Johannes der Täufer auf als Rufer in der Wüste, der die allzu sicheren Leute aufschreckt – der Löwe – das laute Wüstentier passt also zum Markus­evangelium.

Der Stier ist ein Opfertier. Das Lukasevangelium erzählt zuerst vom Priester Zacharias, der im Tempel von Jerusalem beim Darbringen des Opfers vom Engel Gottes überrascht wird. So kommt das Lukasevangelium zu seinem Symbol, dem Stier.

Der Evangelist Johannes setzt ein vor aller Zeit – bei Gott –„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott …“ Doch das Wort bleibt nicht dort – in himmlischen Sphären – es wird Mensch – ja „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ So kommt auch der Adler aus höchster Höhe und lässt sich nieder auf der Erde. Darum ist der Adler das Symbol für den Evangelisten Johannes.

In der Kapelle der Paul-Gerhardt-Kirche erstrahlen die vier Evangelistenfenster von Max Alfred Brumme aus dem Jahr 1954 nun wieder in neuem Glanz. Der Förderverein der Paul-Gerhardt-Kirche hat für die Überholung der Buntglasfenster Spenden gesammelt. Vielen Dank allen Spendern!

Text: Pfarrerin Ruth Alber
Fotos: Pfarrer Christoph Reichl

 

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