Geschichte der Gethsemanekirche

Im 11. und 12. Jh. wurden durch regen Zuzug von deutschen, bäuerlichen Siedlern die sorbischen Ureinwohner immer mehr verdrängt. Urkundlich wird der Ort Lößnig im Jahre 1040 erstmals im Zusammenhang mit der durch das Hochstift vorgenommenen Gründung des Burgwartes genannt. Die deutschen Siedler brachten nicht nur ihren Glauben ins Land, sie bauten auch ihre Kirchen: Es wird vermutet, dass die erste Lößniger Kirche ihren Ursprung in den Anfängen der deutschen Kolonisation hatte und nur eine einfache Kapelle aus Feldsteinen war mit rundbogigen Fenstern ohne Scheiben, ohne Sitzbänke – lediglich mit Wandmalerei ausgestattet.

Der Vorgängerbau unserer heutigen Kirche ist durch Abbildungen bekannt: Eine einfache Feldsteinkirche mit Turm. Der Turm wurde im Laufe der Jahrhunderte ständig verbessert. Anfang des 18. Jahrhunderts erhielt der Turm einen neuen Kopf und eine zeitgemäße Innenausstattung: Stühle, Emporen, bunte große Glasfenster, ein Tauf­becken, Altar und wertvolles Kirchengerät (Leuchter, Kelche etc.). Im Jahre 1442 erhielt die Kirche ihre erste Glocke und 1526 die zweite.

Herzog Georg der Bärtige war ein hartnäckiger Gegner der Reformation. Als er 1539 starb, hielt auch in Lößnig die Reformation ihren Einzug. Der erste evangelische Lößniger Pfarrer war Stefan Göritz. Da sich das Dorf Lößnig kein Pfarrhaus leisten konnte, musste der Pfarrer von Leipzig wandern, reiten oder beschwerlich fahren, um seinen Dienst zu versehen.

1582 stifteten Wolf und Balthasar Blasebalg (Rittergut) einen Taufstein, und 1611 stiftete Hans Blasebalg die Kanzel.

Der 30-jährige Krieg (1618–1648) verwüstete die deutschen Länder, auch das Leipziger Land. Mühsam war das Aufbauwerk. Besondere Fürsorge der Menschen galt ihrer Kirche. Im Jahre 1653 erhielt sie ihre dritte Glocke, und 1667 stiftete der Leipziger Maler Christian Simon ein Gemälde, die Geißelung Christi darstellend (auf der Empore). Es trägt die folgende Inschrift: „HERR Jesu ich trawe auff dich, laß mich nimmermehr zuschanden werden, denn keiner wirdt zuschanden, der dein harret. Symb. HERR nach deinen Willen. Dieses verehret der Kirchen allhier Christian Simon, Mahler in Leipzigk. 1667.“

Ende des 17. Jh. verkaufte die Familie Blasebalg (sie war großherziger Förderer der Lößniger Kirche) ihr Rittergut an den Leipziger Kaufmann und Oberpostmeister Johann Jacob Kees (1645–1705). Auch diese Familie war großherziger Spender für die Lößniger Kirche. So wurde 1745 die erste Orgel eingebaut.

Im Jahre 1758 verwüsteten preußischen Soldaten viele Landstriche von Sachsen. Kurfürst Friedrich August III. (1750–1827) wurde 1806 von Napoleon (1769–1821) zum König erhoben – ein Verhängnis für Sachsen und das kleine Dorf Lößnig. In der Völkerschlacht 16.–18. Oktober 1813 wurden Teile des Dorfes Lößnig und das Herren­haus zerstört. Die Kirche blieb äußerlich fast unversehrt. Nur eine Kanonenkugel durchbrach die Mauer, blieb aber im Glockenturm liegen. Doch alles Brennbare wurde durch die Soldaten aus der Kirche zur Unter­haltung ihrer Biwakfeuer geholt. Die wertvollen Gegenstände hatte der umsichtige Pfarrer in Sicherheit gebracht.

Das Herrenhaus stiftete 1826 200 Taler zur Erhaltung der Kirche und stellte ein Stück Land (zwischen Ernst-Toller-Str./Rembrandtstr./Siegfriedstr.) für den Lößniger Friedhof (Einweihung 1843) zu Verfügung.

Gethsemanekirche von Südwest

Ein Baugutachten begründete im Oktober 1876 den Abriss des uralten Lößniger Kirchleins, und sofort wurde mit dem Neubau begonnen. Dem Baustil der Zeit entsprechend wurde die Lößniger Kirche neo-romanisch errichtet. Die Baukosten betrugen 35 000 Reichsmark. Bauleiter und Baumeister war Hugo Altendorff (1843–1933). Die Baukosten waren damals die niedrigsten, die je für einen Kirchenneubau aufgewendet werden mussten, da eine große Menge alten Baumaterials aufgearbeitet und wieder verwendet werden konnte. Am 28. Oktober 1877 wurde die neue Kirche durch Sup. D. Michel geweiht. Patron und Kollator war der Besitzer des Rittergutes Leipzig-Lößnig, zuletzt der Rat der Stadt Leipzig.

Das Kirchlein besitzt die Form einer Kapelle. Der Giebelturm befindet sich über dem Haupteingang. Die drei Glocken stammen aus der alten Kirche. An beiden Seiten befinden sich kleine Anbauten, die als herrschaftliche Betstube und Sakristei dienen. Die beiden Emporen sind aus Holz und ruhen auf gusseisernen Säulen. Die Kirche besitzt eine Heizdecke. Die Apsis ist ein massives Kuppelgewölbe. Der Kirchenraum bietet 200 Personen Platz (120 unten, 80 Empore-Plätze). Der Altarplatz war malerisch reich ausgestaltet. Die Kirche ist aus Ziegeln erbaut und innen wie außen abgeputzt. Das Dach wurde mit Schiefer gedeckt. Die Fenster sind bleiverglast. Die beim Neubau 1877 aus der alten Kirche übernommenen Buntglasfenster (Glasgemälde mit dem Wappen der Familie Blasbalg) sowie ein Fenster mit dem Bilde der alten Kirche vor dem Neubau (gestiftet durch Baumeister Altendorff 1877) sind den Luftangriffen des Krieges 1939/45 zum Opfer gefallen. Vom letzteren Fenster findet sich noch eine Scherbe im Pfarramt.

Die Orgel der alten Kirche war 1745 durch Rittergutsbesitzer Kees gestiftet worden. Im Jahre 1879 erhielt die Lößniger Kirche ihre Orgel, geschaffen vom Orgelbauer Conrad Geißler aus Eilenburg. Das Instrument besitzt zwei Manuale, eine Fußtastenreihe und zwölf klingende Register – insgesamt 810 Pfeifen. Sie ist eine der noch wenigen erhaltenen Schleifladen-Orgeln der Leipziger Gegend. Die Orgel ist zu beiden Seiten flankiert durch zwei Medaillons, welche die Bildnisse Luthers und Melanchthons zeigen.

Als die große Glocke im Jahre 1442 gestiftet wurde, stand die Kirche unter dem Patronat des Ritters von Pflugk. Sie läutet heute noch in der Kirche und ist eine der ältesten Glocken im Leipziger Land. Die mittlere Glocke von 1526 wurde im Jahre 1942 der Kirche Dösen überlassen. Sie kam 1982 nach Lößnig zurück. Die kleine Glocke von 1653 wurde beim Kirchenneubau 1877 umgegossen und hing mit ihren Glockenschwestern bis 1917 im Turm. Dann wurde sie beschlagnahmt und in einer Schmelzhütte in der Eifel für Kriegszwecke eingeschmolzen.
Das heutige Geläut der Gethsemanekirche ist ein Bronzegeläut im h-Dur-Dreiklang (h‘, 175 kg, ø 75 cm – dis‘‘, geschätzt 120 kg, ø 60 cm – fis‘‘, 90 kg, ø 50 cm).

Die große Glocke (1) aus dem Jahre 1442 wird als Friedensglocke bezeichnet. Sie trägt nach der römischen Jahreszahl die Inschrift „o + rex + gle + xpe + veni + cu pace“. [O rex gloriae christe veni cum pace. – dt.: „O König der Herrlichkeit, Christe, komm in Frieden!“].
Die mittlere Glocke (2) von 1526 hat den Namen „Gebetsglocke“. Der Inschrifttext lautet: „ave maria dom. tec. grc. pln. Amen“ [Ave Maria, Dominus tecum, gratia plena. – dt.: „Gegrüßet seist Du, Maria, der Herr ist mit Dir, Du bist voll der Gnaden, Amen.“ (vgl. Lukas 1,28)].
Die kleine Glocke (3) wurde durch Frau Marie Reuter gestiftet und zu deren 90. Geburts­tag am 14. September 1986 geweiht. Im Rahmen der Herstellung der Sagorsker Glocken konnte diese Glocke in der Glockengießerei in Apolda mitgegossen werden. Diese Glocke ist die Taufglocke und bekam die Inschrift „Rufen + Mahnen + Trösten + 1986 +“.

Wandbemalung. linke Seite

Anlässlich der inneren Erneuerung der Kirche im Jahre 1927 wurde diese durch Maler­meister Paul Edlich, dem Maler der Gewölbetonne in der Paul-Gerhardt-Kirche, aus­gemalt. Es fanden sich links und rechts vom Altarraum zwei Szenen vom Geschehen in Gethsemane: links die Stärkung Jesu durch einen Engel samt den schlafenden Jüngern, rechts die Gefangennahme Jesu mit der Verteidigung des Petrus. Leider sind diese Gemälde bei einer Innenerneuerung im Jahre 1960 übermalt worden. – Im Übrigen sieht man auf dem historischen Foto auch die alten Kronleuchter, die als Vorbild für den 2015 neu für den Altarraum gefertigten Leuchter gedient haben.

Im Altarraum selbst finden sich zu Seiten und hinter dem Altar sechs Figuren, Mose, Johannes den Täufer und die vier Evangelisten darstellend, von Bildhauer Arthur Trebst. Über dem Altar sind abgebildet der Kelch des Leidens sowie der Beutel und die 30 Silberlinge des Judas.

Der Taufstein von 1582 (1589?) hat beim Neubau der Kirche 1877 seinen alten hölzernen Aufsatz nicht wieder­erhalten. Außerdem wurde hierbei durch Fräulein Leo ein neues Taufbecken aus Zinn gestiftet; es trägt das Bild eines Löwen sowie die folgende Inschrift: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. 1877“.

Über die Altargeräte vgl. bei Gurlitt a. a. O. (S. 212). Anläßlich des Neubaus der Kirche 1877 wurden fernerhin gestiftet ein Kelch von Pfarrer Wille in Güldengossa und eine Hostiendose von Pfarrer Jörschke.

Fernerhin im Kirchenschiff vier Tafeln mit den Namen der im Weltkrieg 1914/18 gefallenen Gemeindeglieder sowie eine Gedenkplakette für den 1916 gefallenen Kurt Walter Damanski und eine durch Bildhauer Arthur Trebst gestaltete Tafel für Pfarrer Herman Jörschke (1872–1900 in Lößnig).

Wetterfahne

Am äußersten Ende des Dachfirst über dem Altarraum findet sich in Form einer Wetter­fahne in Blech geschnitten das Wappen der Familie Blasbalg, eine Jungfrau mit einem Blasebalg darstellend, das sich schon auf dem Dach der alten Kirche vor 1877 befunden hatte.

Die Ortsgemeinde Lößnig wurde am 1. Januar 1891 politisch der Stadt Leipzig einge­mein­det. Bis 1638 war Lößnig selbständiges Pfarramt, von 1638–1691 Tochterkirche von Güldengossa, 1691–1900 Tochterkirche von Markkleeberg, und vom 15. Oktober 1900 bis zum 30. April 1916 wurde die Kirchgemeinde als Tochter­kirche von Leipzig-Connewitz durch den dorti­gen dritten Geistlichen pastoriert. Am 1. Mai 1916 wurde die Lößniger Kirchgemeinde selbständig, und die Kirche erhielt den Namen „Gethsemanekirche“.

Auch unter DDR-Bedingungen konnten viele Restaurationsarbeiten durchgeführt werden: 1958 erfolgte eine Außenerneuerung der Kirche, 1960 eine Innenerneuerung; neues Dach (Kryolit-Schindel), Turm (mit Kupfer gedeckt), neuer Fußboden (Kunststeinplatten), neue Fenster, Generalüberholung der Geißler-Orgel, elektrische Sitzbank-Heizung, Einbau einer Toilette.

Am 1. Januar 1999 vereinigten sich die Gethsemane-Kirchgemeinde Lößnig und die Paul-Gerhardt-Kirch­gemeinde Connewitz zur Ev.-Luth. Kirchgemeinde Leipzig-Connewitz-Lößnig.

Seit den Tagen der Reformation haben folgende Pfarrer in Lößnig amtiert:

Altarbereich vor der Sanierung 2014/2015
1568–1571 Caspar Starcke (Großvater von Paul Gerhardt;
                                        danach Superintendent in Eilenburg)
1572–1604 Stephan Göritz, geb. 1544
1604–1607 Mag. Johann Meurer, geb. 1563
1607–1610 Mag. Christoph Röder, geb. 1578
1610–1613 Georg Lönigk, geb. 1581
1613–1636 Johann Oepfelbach, geb. 1580
1638–1687 Christoph Garmann, geb. 16…
1687–1731 Mag. Friedrich Schulze, geb. 1662
1731–1769 Mag. Christian Friedrich Schulze, geb. 1692
1770–1800 Johann Heinrich Bernhard Hindenburg, geb. 1737
1800–1806 Karl Heinrich Hindenburg, geb. 1775
1807–1826 Mag. Johann Gottfried Kori, geb. 1772
1827–1851 Mag. Karl Friedrich Theodor Kornmann, geb. 1790
1851–1872 Lic. Dr. Kurt Emil Tauberth, geb. 1818
1872–1900 Karl August Hermann Jörschke, geb. 1843
1900–1939 Rudolf Eger, geb. 09.05.1873, gest. 31.01.1953
1939–1950 Georg Reichelt, geb. 28.08.1904
1950–1957 Frieder Kriewald, geb. 13.10.1915
1959–1962 Siegfried Haufe, geb. 02.04.1917
1964–1975 Friedrich Körner, geb. 23.09.1910
1976–1995 Heiner Böhme, geb. 10.03.1942
1996–1999 Bernd Görk, geb. 14.05.1952
1999–2002 Dr. Ulrich Seidel, geb. 09.03.1951
1999–2010 Reinhard Enders, geb. 07.08.1955
2003–2015 Dr. Reinhard Junghans, geb. 23.10.1960
2012– …        Ruth Alber, geb. 08.01.1965
2015– …        Christoph Reichl, geb. 11.05.1971